Episches Theater

Grundlegende Informationen:

Vorläufer des epischen Theaters gab es im Laufe der europäischen Theatergeschichte immer wieder, u. a. sind die Passionsspiele und die Mysterienspiele zu nennen. Das Spiel hatte nur hinweisenden Charakter, ein Spielansager leitete ein und stellte die Spieler vor. Die Schauspieler identifizierten sich nicht mit den von ihnen dargestellten Figuren, sondern blieben immer sie selber.

Im 20. Jahrhundert wurde das epische Theater wurde von Erwin Piscator und Bert Brecht entwickelt.

 

Erwin Piscator

Piscator gründete 1920 das "Proletarische Theater", eine Bühne der revolutionären Arbeiter in Berlin. Ziel des Theaters war die Propagierung marxistischer Ideen. Als bestes Beispiel ist seine Revue "Roter Rummel" zu nennen, die 1924 von der Kommunistischen Partei Deutschlands als Wahlveranstaltung gezeigt wurde. Die politischen Anliegen wurden - verpackt in die Form der in den 20er Jahren beliebten Revue - an das Publikum weiter gegeben.

Schließlich entwickelte Piscator - trotz finanzieller Probleme, die ihn immer wieder zwangen, die von ihm gegründeten Bühnen zu schließen - einen eigenen Inszenierungsstil. Der dramatische Text wird durch Filmeinblendungen, Projektionen und politische Parolen ergänzt. Außerdem verwendet Piscator zum ersten Mal die Segment-Globus-Bühne, eine drehbare Halbkugel, die sich an mehreren Stellen aufklappen ließ und den Blick auf wechselnde Orte und Szenen freigab.

Piscator ging es vornehmlich darum, das Publikum mittels Einfühlung und Identifikation direkt in das Geschehen zu involvieren.

 

 

Brecht stellt dem konventionellen (dem so genannten aristotelischen) Theater das epische Theater gegenüber. Der Zuschauer soll sich nicht mehr der Illusion hingeben und beim Betrachten eines Stückes mitleben, sondern zum rationalen Betrachter werden, der eigene Entscheidungen treffen muss. Durch Distanz soll die Aktivität geweckt werden.

Eine Gegenüberstellung des aristotelischen und des epischen Theaters formulierte Brecht in einer seiner theoretischen Schriften ...

Anmerkungen zur Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny"
(1929/30)
Auswahl

Dramatische Form des Theaters

Epische Form des Theaters

Auf der Bühne wird ein Vorgang dargestellt.

Der Vorgang wird erzählt.

Der Zuschauer wird in eine Aktion verwickelt.

Der Zuschauer ist Betrachter.

Die Aktivität des Zuschauers wird "verbraucht".

Die Aktivität wird geweckt.

Vermittelt werden Gefühle.

Verlangt werden Entscheidungen.

Vermittelt werden Erlebnisse.

Gewonnen werden Kenntnisse / Erkenntnisse.

Der Zuschauer wird in eine Handlung hinein versetzt.

Er wird ihr gegenüber "gesetzt".

Es wird mit Suggestion gearbeitet.

Es wird mit Argumenten gearbeitet.

Der Mensch wird als bekannt vorausgesetzt.

Der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung.

Der Mensch ist unveränderlich.

Der Mensch kann verändert werden.

Die Spannung richtet sich auf den Ausgang der Handlung.

Die Spannung richtet sich auf den Gang der Handlung.

Eine Szene stellt die Grundlage für die andere dar.

Jede Szene steht für sich.

Die Geschehnisse verlaufen linear.

Die Geschehnisse verlaufen in Kurven.

Die Welt wird dargestellt, wie sie ist.

Die Welt wird dargestellt, wie sie sein wird.

Dargestellt wird, was der Mensch soll.

Dargestellt wird, was der Mensch muss.

Der Mensch wird von Trieben geleitet.

Beweggründe leiten ihn.

Das Denken bestimmt das Sein.

Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken.

 

Verfremdungseffekt:

Zur Durchbrechung der Illusion setzt Brecht den so genannten Verfremdungseffekt ein ...

  • Erzähler

  • (kommentierender) Chor

  • Choreographie, Pantomime

  • Songs

  • Abstraktes, bloß angedeutetes Bühnenbild

  • Projektionen, Plakate, Collagen, Spruchbänder
    (z. B. Szene 7 in "Mutter Courage": "MUTTER COURAGE AUF DER HÖHE IHRER LAUFBAHN") etc.

  • Kostüme sind entweder modern oder gehören verschiedenen Epochen und Stilrichtungen an, um auf die Allgemeingültigkeit der Handlung hinzuweisen

  • Montagetechnik: Aneinanderfügung einzelner Bildfolgen und Szenen in räumlich und zeitlich verschiedenen Situationen, die gedanklich nicht verbunden sind.

  • Verfremdung durch Rollenbesetzung (Männerrollen durch Frauen und umgekehrt; Helden durch den Typ des Antihelden etc.)

  • Oft treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus und sprechen das  Publikum an. Falsch ist hingegen, dass Brecht von seinen Schauspielern keine realistische Darstellung verlangte.
    "Bertolt Brecht ist bei den Proben aktiv anwesend. Er spielt so vital vor, dass er in der Zusammenarbeit mit Erich Engel gleichsam sein eigenes Stück ist. Wenn Brecht vorspielt, so tut er es nicht nur, um eine Vorlage zu geben, sondern auch, um die Schauspieler auf einen natürlichen Ton zu bringen, ... jede Zäsur, jede Handbewegung ist bewusst gesetzt. In der Fülle der Nuancen und Übergänge seines Spiels versinken alle Schlagworte über den Brechtschen Stil." [Brechtscher Stil: gemeint sind die Vorwürfe, Brecht-Schauspieler spielten auf Distanz, stünden "neben der Rolle". / Anm.]

 

Materialien zum Studium des epischen Theaters:

Die folgenden Textstellen bieten den Schülern die Möglichkeit, sich die Grundgedanken des epischen Theaters vertiefend anzueignen.

Grundlagen:

  • Hellmuth Karasek, Der V-Effekt (Sekundärliteratur)
  • Bert Brecht, Mutter Courage und ihre Kinder (2 Textausschnitte)

 

Hellmuth Karasek: DER V-EFFEKT

KARASEK, BRECHT CoverDas Hauptprinzip, das wichtigste Mittel des epischen, dialektischen oder wissenschaftlichen Theaters Brechts ist der so genannte Verfremdungseffekt (abgekürzt V-Effekt), ein Begriff, der nicht durch, aber auch nicht ohne Brechts Schuld inzwischen inflationär gebraucht wird.

In dem frühen Stück »Trommeln in der Nacht« [1919; Anm.], einem Heimkehrer-Drama, das das Heimkehrer-Pathos des expressionistischen Dramas angriff, taucht als ständiger Begleiter des Helden Kragler ein roter Mond am (Bühnen)-Horizont auf - scheinbar um Romantik und Stimmung zu verbreiten. Aber spätestens im fünften Akt wird deutlich, dass diese Stimmung nur aufgebaut wurde, um zerstört zu werden. Kragler sagt, die Illusion des Stücks durchbrechend. »Ich hab's bis zum Hals! Es ist gewöhnliches Theater. Es sind Bretter und ein Papiermond und dahinter die Fleischbank, die allein ist leibhaftig.« Und kurz darauf ruft Kragler ins Publikum: »Glotzt nicht so romantisch!«

Die Theaterillusion, die Brecht aufgebaut hatte, wird dekuvriert [dekuvrieren = entlarven; Anm.], unterbrochen, die Stimmung, die sich beim Publikum einzustellen suchte, wird zerstört. Dieser Vorgang ließe sich als erste große Verfremdung bei Brecht beschreiben - und so gesehen, wäre die Verfremdung eine Wiederaufnahme des Theatermittels der »romantischen lronie«, mit der die Dramatiker der Romantik, etwa Tieck, erst eine vollkommene Theaterillusion erzeugten, die sie dann mit krassen Illusionsdurchbrechungen als Illusion sichtbar machten.

Brecht hat den Verfremdungseffekt in seinen theoretischen Schriften mehrfach definiert und oft beschrieben, wobei sich als Kern des Begriffs ausmachen lässt, dass die Verfremdung ein Ziel hat, nämlich das Gewohnte als das Ungewöhnliche, das Übliche als das Befremdende, das Selbstverständliche als das lange nicht Geänderte und daher Änderungsbedürftige zu sehen. Im "Kleinen Organon" [= theoretische Schrift B. Brechts; Anm.] hat Brecht den neuen V-Effekt definiert, indem er ihn der üblichen einfühlenden Haltung [= das Illusionstheater, das vom Zuschauer ein Eintauchen in die Handlung erwartet; Anm.] gegenübersetzte: »Das lange nicht Geänderte nämlich scheint unänderbar. Allenthalben treffen wir auf etwas, das zu selbstverständlich ist, als dass wir uns bemühen müssten, es zu verstehen. Was sie miteinander erleben, scheint den Menschen das gegebene menschliche Erleben.«

Dem setzt er entgegen: »Damit all dies viele Gegebene ihm als ebensoviel Zweifelhaftes erscheinen könnte, müsste er jenen fremden Blick entwickeln, mit dem der große Galilei einen ins Pendeln gekommenen Kronleuchter betrachtete. Den verwunderten diese Schwingungen, als hätte er sie so nicht erwartet und verstünde es nicht von ihnen, wodurch er dann auf die Gesetzmäßigkeiten kam. Diesen Blick, so schwierig wie produktiv, muss das Theater mit seinen Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens provozieren. Es muss sein Publikum wundern, und dies geschieht vermittels einer Technik der Verfremdungen des Vertrauten.«

[...]

Hier und in anderem Zusammenhang führt Brecht als entscheidende Technik der Verfremdung die »Historisierung« ein. Sie soll einmal zeigen, dass Vorgänge einmalig und vorübergehend sind. »In ihnen ist nichts schlechthin Unwandelbares.« Zum andern soll der Schauspieler auch zu Vorgängen der Jetztzeit jenen »Abstand« wählen, um den sich der Historiker bemüht. Auch dadurch würden die »Vorgänge auffällig".

Den V-Effekt beobachtete Brecht im Alltag wie auch im früheren Theater. Im Alltag wird ein "einfacher V-Effekt" angewendet, »wenn man jemandem sagt: "Hast du dir schon einmal deine Uhr genau angesehen?", denn mit der Frage entziehe man die Uhr dem gewohnten, daher seit langem nichts mehr sehenden Blick.

Auch im alten Theater sei der V-Effekt verwendet worden, etwa in der "niedrigen Komödie". »Kehrt ein Ehemann spät in das eheliche Schlafgemach zurück und belauscht ihn die völlig wache Gattin beim Hereinschleichen, so wird dieses zur Ergötzung des Publikums verfremdet.« Weitere Beispiele: Wenn Mommsen in seiner römischen Geschichte für »Prätor« »Staatsanwalt«, für »Legat« »General« sage; wenn Goethe für seinen »Egmont« die Niederlande zum Schauplatz mache und sie für ihn eine Parabelfunktion bekämen; wenn das antike und mittelalterliche Theater seine Schauspieler mit Menschen- und Tiermasken verfremde, das asiatische noch heute »musikalische und pantomimische V-Effekte« benutze, verhindere dies zweifellos die Einfühlung, und wenn es auch die Vorgänge einmalig, bizarr und unänderbar erscheinen lasse.

In der Beschreibung der Kopenhagener Uraufführung der »Rundköpfe und Spitzköpfe« [=Theaterstück von Brecht] schließlich führt Brecht an, dass bestimmte Vorgänge des Stücks durch »Inschriften, Geräusch- oder Musikkulissen und die Spielweise der Schauspieler als in sich geschlossene Szenen aus dem Bezirk des Alltäglichen, Selbstverständlichen, Erwarteten gehoben (verfremdet)« wurden.

Und als Brecht 1954/55 am Berliner Ensemble Johannes R. Bechers »Winterschlacht« inszenierte, verfremdete er die Darstellung des Soldaten, »indem man jene Züge (Verhaltensweisen, Eigenschaften usw.) zur Geltung bringt, die er mit dem gewöhnlichen Arbeiter an der Maschine gemeinsam hat«.

Nach so viel Verfremdung fragt man sich, was an Brechts Theaterarbeit nicht Verfremdung ist, noch dazu, wenn man sich vor Augen hält, dass die Theoretiker (vor allem Reinhold Grimm) mit guten Gründen den von Brecht vorwiegend für die Theaterarbeit und Theaterpraxis angewendeten Begriff auf die Stücke selbst und ihre Konzeptionen übertragen haben. Dabei wird dann jegliche Unterbrechung der Spielhandlung, jegliches antiillusionistisches Mittel Spiel über die Rampe, Treten aus der Handlung, Ankündigung dessen, was man spielen, tun wird), jegliche Parabolisierung, kurzum: der Gesamtkosmos des Brechtschen Werks zu einem einzigen fortgesetzten Beleg für den angestrebten und angewendeten V-Effekt.

Dafür einige Exempel. Dass » Der gute Mensch von Sezuan" soziale Probleme für deutsche Zuschauer nach China verlegt, dass »Galilei« die Problematik der Erfindung der Atombombe ins ausgehende Mittelalter historisiert, dass im »Kaukasischen Kreidekreis« die Haupthandlung als »Spiel im Spiel« von einer Kolchose aufgeführt wird, dass Hitlers Annektion Österreichs als Gartenszene aus dem »Faust« dargestellt wird, dass in der »Heiligen Johanna« der Börsenkrach sich in Hölderlinischem Versmaß abspielt, dass es in Brechts Theater Schrifttafeln, ... Songs, Masken, Kostüme, Beiseite-Sprechen, Adressen an den Zuschauer gibt, dass Dialekte verwendet, Pausen gemacht werden, dass die Scheinwerfer sichtbar da sind oder Filme projiziert werden - das alles und noch mehr lässt sich unter dem Begriff Verfremdung subsumieren, sodass man überspitzt sagen könnte: V-Effekt gleich Brecht-Theater.

[...]

Hellmuth Karasek führt unter Berufung auf Käthe Rülicke-Weiler und ihre Untersuchung der »Dramaturgie Brechts« einige Beispiel für Verfremdungen der unterschiedlichsten Qualität an.

 

Soziale Gesten (Vorgänge): Während zwei Streikbrecher in der Gutsküche um die Essschüssel streiten, halten sie große Reden über Vaterlandsliebe, die dadurch als Phrasen erkennbar werden. Figuren: Der nüchterne Puntila ist - von seinem Klasseninteresse aus gesehen - vernünftig und unmenschlich. Der betrunkene Puntila ist dagegen menschlich und unvernünftig. Der eine Zustand - immer wieder mit dem anderen konfrontiert und ihn verfremdend - macht deutlich, dass Puntila auf sein Klasseninteresse verzichten müsste - was er nicht kann -, um ein Mensch zu sein. Sprache: "Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen", sagt Frau Carrar, und ihr Sohn kommt um, obwohl er nicht zum Schwert gegriffen hat. Die Bibelweisheit wird ebenso in Frage gestellt wie das passive Verhalten der Carrar, die nun ihrerseits zum Schwert - das heißt zum Gewehr - greift. ["Die Gewehre der Frau Carrar", 1937; Anm.]

Als Beispiele für verfremdende Spielweisen führt Käthe Rülicke-Weiler an, dass etwa der »Held« in Synges [irischer Dramatiker, 1871 – 1909; Anm.] »Der Held der westlichen Welt« im Berliner Ensemble mit einem Anti-Helden (klein, korpulent, unschön) besetzt wurde, um seine Anziehungskraft von der Person weg- und auf den vorgeblichen Vatermord hinzulenken - Verfremdung also durch Besetzung.

[...]

Umgekehrt hieße das aber auch: Sobald das Theater sich Stücke als selbstverständlichen Besitz einverleibt hat, sobald ein bestimmter Inszenierungsstil dem Zuschauer vertraut geworden ist, wird das Ungewohnte zum Gewohnten. Der spezifisch Brechtsche V-Effekt wird zum Gewohnheits-Effekt, seine Themen und Thesen erscheinen unänderbar und eingefroren.

Brecht könnte mit seinen Stücken nur dann für die Änderbarkeit plädieren, wenn diese Stücke endlich einer Theaterpraxis ausgesetzt würden, die sich radikal von Brechts Theaterarbeit unterscheidet.

Der Abschied von dieser Theaterarbeit fällt offenbar deshalb so schwer, weil sie in der Tat die fruchtbarste, anregendste, in sich konsequenteste Theaterarbeit war, die das Nachkriegstheater hervorgebracht hat. [...] Andererseits darf, was den V-Effekt anlangt, nicht vergessen werden, dass der Theatermann Brecht in seinen theoretischen Erörterungen [nur] festgehalten hat, was sich theoretisch erörtern und abstrahieren lässt, nicht aber momentane Eingebungen, Einfälle, die aus Zufall und Notwendigkeiten der Praxis entstanden. ...

© Karasek, Hellmuth: Bertolt Brecht. Vom Bürgerschreck zum Klassiker. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1995. S 107ff.
   (Der Text wurde der neuen Rechtschreibung angepasst.)

FRAGENKATALOG FÜR SCHÜLER (Vorschläge):

Ziel: Selbstständige Erarbeitung des grundlegenden Wissens zum epischen Theater in schriftlicher Form.

  • Wann und wo wendete Brecht zum ersten Mal den V-Effekt an? Welches berühmt gewordene Zitat wurde - stellvertretend für die Zielsetzung des V-Effekts - verwendet?

  • Wie heißt eines der Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert?

  • Auf welchen Bereich der Theaterarbeit hat Brecht den V-Effekt ursprünglich angewendet?

  • Versuchen Sie mit eigenen Worten die Absicht Brechts zu beschreiben!

  • Welche Bedeutung kommt in Hinblick auf den V-Effekt der Historisierung zu? Erläutern Sie diesen Gedanken an Hand von Beispielen!

  • Welche Beispiele für Elemente des V-Effekts zählt Hellmuth Karasek (bzw. Käthe Rülicke-Weiler) auf?

  • Welche noch fehlenden Beispiele werden im vertiefenden Artikel zum Epischen Theater erwähnt?

  • Welche Beispiele für den V-Effekt können Sie in den beiden Textstellen aus Brechts "Mutter Courage" (Siehe unten!) erkennen?

  • Worin besteht die Problematik des Brecht´schen V-Effekts?

 

Bert Brecht
MUTTER COURAGE und ihre KINDER

Szene 7

Mutter Courage auf der Höhe ihrer geschäftlichen Laufbahn

Landstraße

Der Feldprediger, Mutter Courage und ihre Tochter Kattrin ziehen den Planwagen, an dem neue Waren hängen. Mutter Courage trägt eine Kette mit Silbertalern.

Mutter Courage:
Ich lass mir den Krieg von euch nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leut besser.

Sie singt:

Und geht er über deine Kräfte
Bist du beim Sieg halt nicht dabei.
Der Krieg ist nix als die Geschäfte,
Und statt mit Käse ist´s mit Blei.

Und was möcht schon Seßhaftwerden nützen. Die Seßhaften sind zuerst hin.

Sie singt:

So mancher wollt so manches haben
Was es für manchen gar nicht gab:
Er wollt sich schlau ein Schlupfloch graben
Und grub sich nur ein frühes Grab.
Schon manchen sah ich sich abjagen
In Eil nach einer Ruhestatt -
Liegt er dann drin, mag er sich fragen
Warums ihm so geeilet hat.

Sie ziehen weiter.

 

 

FRAGENKATALOG (Vorschläge):

  • Welche grundlegende Aussage enthält der Text?
  • Wie wird diese Aussage von Brecht aufgebaut?
  • Wer wird mit dem Pronomen "euch" angesprochen / könnte angesprochen werden?
  • Welche Bedeutung kommt den Zwischenbemerkungen zu?
  • Stellen Sie abschließend die beiden Courage-Texte in einen Zusammenhang!
Bert Brecht
MUTTER COURAGE und ihre KINDER

Szene 4 ("Das Lied von der großen Kapitulation" / Ausschnitt)

Mutter Courage:
Einst, im Lenze meiner jungen Jahre
Dacht auch ich, dass ich was ganz Besondres bin.

(Nicht wie jede beliebige Häuslertochter, mit meinem Aussehn und Talent und meinem Drang nach Höherem!)

Und bestellt meine Suppe ohne Haare
Und von mir, sie hattens kein Gewinn.

(Alles oder nix, jedenfalls nicht den Nächstbesten, jeder ist seines Glückes Schmied, ich lass mir keine Vorschriften machen!)

Doch vom Dach ein Star
Pfiff: wart paar Jahr!
Und du marschierst in der Kapell
Im Gleichschritt, langsam oder schnell
Und bläsest deinen kleinen Ton:
Jetzt kommt er schon.
Und jetzt das Ganze schwenkt!
Der Mensch denkt: Gott lenkt.
Keine Red davon!

Und bevor das Jahr war abgefahren
Lernte ich zu schlucken meine Medizin.

(Zwei Kinder aufm Hals und bei dem Brotpreis und was alles verlangt wird!)

Als sie einmal mit mir fix und fertig waren
Hatten sie mich auf dem Arsch und auf den Knien.

(Man muss sich stelln mit den Leuten, eine Hand wäscht die andere, mit dem Kopf kann man nicht durch die Wand.)

Und vom Dach der Star
Pfiff: noch kein Jahr!
Und sie marschiert in der Kapell
Im Gleichschritt, langsam oder schnell
Und bläset ihren kleinen Ton:
Jetzt kommt er schon.
Und jetzt das Ganze schwenkt!
Der Mensch denkt: Gott lenkt.
Keine Red davon!

Viele sah ich schon den Himmel stürmen
Und kein Stern war ihnen groß und weit genug.

(Der Tüchtige schafft es, wo ein Wille ist, ist ein Weg, wir werden den Laden schon schmeißen.)

Doch sie fühlten bald beim Berg-auf-Berge-Türmen
Wie doch schwer man schon an einem Strohhut trug.

(Man muss sich nach der Decke strecken.)

Und vom Dach der Star
Pfeift: wart paar Jahr!
Und sie marschieren in der Kapell
Im Gleichschritt, langsam oder schnell
Und blasen ihren kleinen Ton:
Jetzt kommt er schon.
Und jetzt das Ganze schwenkt!
Der Mensch denkt: Gott lenkt.
Keine Red davon!

 

 

ARBEITSVORSCHLAG:
Ein interessanter Vergleich bietet sich ausgehend von Brechts "Lied von der großen Kapitulation" aus der "Mutter Courage" mit Raimunds "Hobellied" aus dem "Verschwender" an!

Ferdinand Raimund
Der Verschwender
Hobellied

Der völlig verarmte Flottwell ist in seine Heimat zurückgekehrt und besucht seinen ehemaligen Bedienten Valentin. Nachdem Flottwell seine Erlebnisse erzählt hat, singt Valentin das "Hobellied".

Valentin (allein). Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch denkt, der Himmel lenkt.

Lied

Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks,
Der eine heißt den andern dumm,
Am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann
Dem andern viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt s´ beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit Gwalt
In allen glücklich sein,
Doch wird man nur ein bissel alt,
Da find man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut.
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm!
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: Lieber Valentin!
Mach keine Umständ! Geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Adje. (Ab.)

 

 

BRECHT WOHNUNG BERLIN