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Einleitung |
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Eines der bekanntesten Gedichte des österreichischen Lyrikers Georg Trakl trägt den programmatischen Titel „Verfall“ und nimmt in der Titelgebung bereits vorweg, was zahlreiche Autoren dieser Generation in hohem Maße beschäftigte. Die Dichter des Expressionismus schätzten in Erwartung einer drohenden Apokalypse sowohl die Gesellschaft als auch die Lebensumstände ihrer Zeit als in höchstem Maße erstarrt und todkrank ein. Kein Wunder also, dass neben all jenen Motivkreisen, welche um die Morbidität des gesellschaftlichen Umfeldes im beginnenden 20. Jahrhundert kreisen ( z. B. die Großstadt-Lyrik oder auch die Kriegs- und Untergangsgedichte), ein weiteres Hauptmotiv der Verfall nicht nur der Außenwelt, sondern der Verlust des eigenen Selbst an sich ist. Diese verbreitete Beschäftigung mit dem Motiv der Vergänglichkeit erinnert fast ein wenig an das allgegenwärtige Vanitas-Motiv der Barockdichtung, jedoch ist in der expressionistischen Auffassung von Verfall und Endlichkeit kein Raum für eine religiöse Komponente wie im Barock. Man könnte also beinahe von einer rein auf das Weltliche bezogenen „memento mori“–Literatur sprechen. Der Verfallsvorgang selbst wird bevorzugt in den vielfältigsten Variationen beschrieben. Dabei schuf sich nahezu jeder expressionistische Lyriker seinen ganz eigenen Zugang zum Verfallsmotiv. Es gibt daher Gedichte, welche die...
Die Ausprägungen des Verfallsmotivs sind im literarischen Expressionismus jedenfalls außerordentlich vielfältig. |
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| Die Erwartung des Verfalls | |||||||
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Georg Trakl (1887 – 1914): Verfall Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern. Indes wie blasser Kinder Todesreigen
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Georg Trakl verfasste dieses Sonett 1913, also im letzten Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges, „Am Abend“ (siehe 1. Strophe, Zeile 1 ) des großen Krieges... Bereits dieser Gedichtanfang weist auf etwas zu Ende Gehendes hin, denn Abend, Herbst deuten stets auf das Schließen eines Kreises, sei es beispielsweise das Schließen des Tageskreises, das des Jahreskreises oder auch das des Lebenskreises. Das lyrische Ich schaut in den beiden Quartetten am herbstlichen Abend, „wenn die Glocken Frieden läuten“ (Zeile 1 ), den Vögeln nach, die bereits „gleich frommen Pilgerzügen“ in den Süden ziehen ( 1. Strophe, Zeile 3 ) – ein idyllisches, in seiner Friedlichkeit höchst trügerisches Bild. |
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, |
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Bang zurückbleibend in dem „dämmervollen Garten“ ( 2. Strophe, Zeile 1 ) beneidet das lyrische Ich die davonfliegenden Tiere und träumt „nach ihren helleren Geschicken“ ( 2. Strophe, Zeile 2 ). Dabei vergisst es das Voranschreiten der Zeit, es fühlt „der Stunden Weiser kaum mehr rücken“ ( 2. Strophe, Zeile 3 ). Für diesen kurzen und träumerischen Moment scheint das Leben noch stehen bleiben zu wollen, doch dieser Moment ist nicht von Dauer, die Zeit kann nicht angehalten werden, sondern schreitet unerbittlich fort. |
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten |
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Die beiden Terzette bringen nun ( wie in der Sonettform üblich ) die inhaltliche Zäsur. Das lyrische Ich kehrt aus seinen Träumereien jäh zurück in die Realität: „Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern“ ( 3. Strophe, Zeile 1 ). Die scheinbare Idylle ist urplötzlich zerstört. Ab jetzt dominieren die negativen Stimmungen, nun erscheinen überall Boten der Vergänglichkeit alles Seins. Das lyrische Ich schaut um sich, aus seinen Tagträumen aufgeschreckt durch den plötzlichen Hauch der Vergänglichkeit des Seins, und nimmt nun mit allen Sinnen, sei es über die Haut (indem es einen Hauch spürt ) oder akustisch (das Klagen der Amsel) bzw. optisch ( der rote Wein ) Zeichen des einsetzenden Verfalls wahr. Spricht Trakl in den Quartetten von nicht weiter definierten Zugvögeln, so nennt er nun eine Vogelart, eine Amsel, also ein schwarzes Tier ( schwarz = Farbe des Todes). Diese Amsel zieht nicht weg, sie bleibt hier, wenn es Winter wird. „Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen“ ( 3. Strophe, Zeile 2 ). Die Realität ist also nicht das Wegziehen, das die Zugvögel symbolisieren, sondern das, was ringsum bereits erkennbar ist: der allgegenwärtige „Verfall“, sogar wörtlich angesprochen in der ersten Zeile der dritten Strophe: „Es schwankt der rote Wein an rost‘gen Gittern“ ( 3. Strophe, Zeile 3 ) – wobei das Wort „Gitter“ auch auf die Ohnmacht des Zurückbleibenden hinweist bzw. auf die Unmöglichkeit, dem unerbittlichen Geschick zu entkommen. Beachtenswert ist in dieser Zeile auch der doppelte Einsatz der Farbe Rot, einerseits wörtlich genannt in Verbindung mit dem Wein, andererseits als Konnotation (rostig). Rot ist einerseits die Farbe des Herbstes, andererseits impliziert es als die Farbe des Blutes ebenfalls den Tod, tritt also in Zusammenhang mit dem Schwarz der Amsel. |
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern. |
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Durch das Enjambement ( = Zeilensprung ) am Ende der dritten Strophe wird eine Verbindung zur vierten Strophe hergestellt. |
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Eindringlich werden nun völlig düster erscheinende Bilder geschaffen. In dieser vierten Strophe verwendet Trakl das unwirkliche, visionäre Bild der Astern, die „wie blasser Kinder Todesreigen / Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,“ tanzen (Zeile 2 ). Die in der dritten Strophe verwendeten Verfallsbilder summieren sich nun zu einer Art Todesvision, die in formaler Hinsicht mit der träumerischen Sequenz des zweiten Quartettes korrespondiert. Wurde der Tagtraum der zweiten Strophe durch die Zugvögel ausgelöst, so wird nun die Vision der vierten Strophe durch die klagende Amsel hervorgerufen. Mit dem Bild der sich „fröstelnd“ im Wind neigenden Astern, den blassblauen Boten des Spätherbstes, schließt das Gedicht: der Winter, das Ende in Kälte und Dunkelheit ist nahe. |
Indes wie blasser Kinder Todesreigen |
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| Die literarische Tradition des Ophelia–Motivs (Einleitung) | |||||||
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In diesem Abschnitt soll auf einige Bearbeitungen dieses Motivs in der europäischen Literaturgeschichte eingegangen werden, ausgehend von einem Textausschnitt aus Shakespeares „Hamlet“ über Arthur Rimbauds Ophelia-Gedicht, einige Texte der deutschen Expressionisten bis zu einem Gedicht des DDR–Lyrikers Peter Huchel.
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Georg Heym (1887 - 1912): Die Tote im Wasser Die Masten ragen an dem
grauen Wall Georg Heym schrieb dieses Gedicht im Sommer 1910. Es ist die früheste Auseinandersetzung mit dem Motiv aus der Epoche des Expressionismus. Gleichzeitig wurde es Ausgangspunkt für die meisten der zahlreichen weiteren Ophelia - Texte der Dichter dieser Zeit, mit Ausnahme der Ophelia - Sequenzen bei Georg Trakl, in dessen Werk sich direkte Bezüge zu Rimbaud finden lassen (bis hin zu einigen fast wörtlichen Übernahmen, wie z. B. „sanftes Gehaben des Wahnsinns“ bei Trakl / „sanfter Wahnsinn“ bei Rimbaud ). Auf jeden Fall war Rimbauds Gedicht auch für Georg Heym die Quelle, denn im selben Jahr greift der Dichter gleich ein zweites Mal auf das Thema zurück: Im Dezember 1910 verfasst er sein Gedicht „Ophelia“, welches zumindest wieder im Titel einen personalen Bezug zur ursprünglichen Figur aufweist, in der Ausführung aber dem Gedicht „Die Tote im Wasser“ sehr nahe steht. ( Vgl. dazu Text 5! ). Die Darstellung des Themas in „Die Tote im Wasser“ unterscheidet sich trotz des übereinstimmenden Motivs jedenfalls stark von derjenigen bei Arthur Rimbaud. Ist bei diesem der Bezug zur Shakespeare’schen Figur noch ganz deutlich erkennbar, verwischt Heym bereits die personenbezogenen Übereinstimmungen, wird allgemeiner in der Darstellungsweise. Auch die Großstadtkulisse, an der die Tote vorbeigeschwemmt wird, ist bei Heym neu eingeführt und erinnert stark an die Kanal - Szenerie in seinem ersten Sonett des „Berlin“ - Zyklus ( ebenfalls aus dem Jahr 1910 ! ), dessen Text zum Vergleich hier anschließend zu sehen ist. Viele Elemente finden sich nämlich in beiden Gedichten, obwohl die Thematik bei „Die Tote im Wasser“ und „Berlin I“ jeweils eine völlig andere ist.
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Gottfried Benn (1886 – 1956): Schöne Jugend Der Mund eines Mädchens,
das lange im Schilf gelegen hatte, Bereits der Titel des Gedichtes von Gottfried Benn, „Schöne Jugend“ aus dem Gedichtband „Morgue“ ( 1912 erschienen ), ist zynisch und doppelbödig: Er bezieht sich nämlich – zumindest in Bezug auf das Attribut „schön“ auf die Jugend der Ratten, das tote Mädchen dient ja den Tieren bloß als willkommene Behausung. Es handelt sich um irgendein ertrunkenes Mädchen, also durchaus kein bestimmtes wie bei Rimbaud. In der Folge beschreibt Benn die Vorgänge während der Obduktion der Leiche. Der „angeknabbert[e] Mund“ ( Z. 1 ) erweckt schon Neugier. Der Fortschritt des Textes geschieht de facto parallel zum Seziermesser des Pathologen. Der Reihe nach werden Brust, Speiseröhre, Zwerchfell, Leber und Niere freigelegt und untersucht, anscheinend aber nicht in einem Leichenschauhaus, sondern direkt vor Ort, also am Ufer, denn die Rattenbrut wird ja „allesamt ins Wasser“ ( Z. 11 ) geworfen. Interessant ist jedenfalls das Wasserrattenmotiv, das uns bereits in Georg Heyms Bearbeitungen der Ophelia - Thematik begegnet ist. Auch in der dritten Strophe von Georg Trakls Gedicht „Vorstadt im Föhn“ ( 1911) finden wir es. Dort nämlich heißt es in ausgeprägtem expressionistischen Reihungsstil: Am Kehricht pfeift
verliebt ein Rattenchor. Bei Gottfried Benn jedoch ist das Rattenmotiv an die zentrale Stelle gerückt und verändert die Perspektive des Gedichtes: Es geht bei Benn nicht mehr um die Frage nach dem Grund für den Tod des Mädchens, das zur bloßen Staffage degradiert wird, sondern nur um die schonungslose Darstellung des Hässlichen als den gleichwertigen Bestandteil des Lebens.
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Bertolt Brecht (1898 – 1956): Vom ertrunkenen Mädchen Als
sie ertrunken war und hinunterschwamm, Tang
und Algen hielten sich an ihr ein, Und
der Himmel ward abends dunkel wie Rauch Als
ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war,
Wieder wird das Treiben der Leiche den Fluss hinunter beschrieben, wobei Brecht in seiner Darstellung bis zur endgültigen Auflösung des toten Körpers im Wasser geht, zu der er parallel sein religionskritisches Credo entwirft. Nichts Tröstendes bleibt zurück, Gott vergisst sie „sehr langsam“, im gleichen Tempo, in dem der Zerfallsprozess voranschreitet. Bertolt Brecht ist zwar nicht als Expressionist zu bezeichnen (!), doch bei keinem anderen Autor hat das Motiv der „Wasserleiche“ so viele Bearbeitungen erfahren wie gerade bei ihm. Zu nennen sind von Brecht neben dem oben stehenden Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ noch folgende lyrische Texte, die das Ophelia – Motiv in irgendeiner Art und Weise umkreisen:
Vor allem bei Brecht (aber nicht nur bei ihm!) steht als Besonderheit das Motiv der anonymen Wasserleiche sehr oft auch in enger Verbindung mit dem Motiv des „gefallenen Mädchens“, das sich seinem Geliebten hingegeben hat und anschließend von diesem verlassen worden ist, obwohl es ein Kind erwartet. Entweder aus Verzweiflung über die Schande eines unehelichen Kindes oder aus der Chancenlosigkeit, für das Kind sorgen zu können, sucht das Mädchen mit dem Ungeborenen den Tod im Wasser.
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Peter Huchel (1903 - 1981): OpheliaSpäter, am Morgen Kein Königreich, Als Abschluss dieser literarischen Ophelia-Betrachtungen soll noch ein Text jüngeren Datums (1972) angeführt werden. Es stammt aus der Feder des DDR–Autors Peter Huchel (1903 – 1981), der lange Jahre in der DDR unter Aufsicht des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) gelebt hatte, bevor er in die Bundesrepublik ausreisen durfte. Peter Huchels „Ophelia“ stammt aus der bereits im Westen veröffentlichten Sammlung „Gezählte Tage“, in der der Autor seiner jahrelangen Isolation einen erschütternden literarischen Ausdruck verleiht. Das Gedicht trägt einen auf den ersten Blick recht irreführenden Titel (ähnlich Gottfried Benns „Schöne Jugend“! ), der in der ersten Strophe mit der Erwartungshaltung des Lesers durchaus nicht übereinstimmt. Die im Geist des Lesers vorhandenen (schönen) Ophelia-Bilder haben rein gar nichts gemeinsam mit dem Beginn des Textes. Im Mittelpunkt der ersten Strophe stehen nämlich „das Waten von Stiefeln / Im seichten Gewässer, / das Stoßen von Stangen / ein raues Kommando“ ( Z. 3 – Z. 7 ). Nun erst wird langsam deutlich, dass das Geschehen in Huchels Gedicht sich wohl um die seinerzeitige deutsch-deutsche Grenze dreht. Ein Mensch liegt tot im Wasser, und die Leiche wird von den Soldaten der Grenzpolizei gesucht. Für die Ophelia in Huchels Text gibt es keine schützende Umgebung, „kein Reich / wo ein Schrei das Wasser höhlt“ ( 2. Strophe, Z. 4 – 5 ) – man denke dabei nur an Moses am Roten Meer! Es existiert kein Königreich mehr, in dem die arme Ophelia durch Zauberhand beschützt wird, ein Reich, in welchem „die Kugel / am Weidenblatt zersplittern“ (Z. 7 – 8) könnte. Das Weidenblatt wiederum ist eine Anspielung auf Shakespeares Text, ebenso das Wort „schlammig“, womit sich auch der Kreis der Ophelia – Figuren schließt. Dennoch: Huchels Ophelia hat etwas anderes gelitten im Leben als die Figur aus „Hamlet“. Und noch etwas anderes unterscheidet sie von vielen ihrer literarischen Vorgängerinnen: Nicht durch eigene Hand ist Ophelia gestorben: Die Tote liegt morgens im seichten Wasser, von den Kugeln der Grenzsoldaten durchbohrt. |
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