Einleitung

 

Eines der bekanntesten Gedichte des österreichischen Lyrikers Georg Trakl trägt den programmatischen Titel „Verfall“ und nimmt in der Titelgebung bereits vorweg, was zahlreiche Autoren dieser Generation in hohem Maße beschäftigte. Die Dichter des Expressionismus schätzten in Erwartung einer drohenden Apokalypse sowohl die Gesellschaft als auch die Lebensumstände ihrer Zeit als in höchstem Maße erstarrt und todkrank ein.

Kein Wunder also, dass neben all jenen Motivkreisen, welche um die Morbidität des gesellschaftlichen Umfeldes im beginnenden 20. Jahrhundert kreisen ( z. B. die Großstadt-Lyrik oder auch die Kriegs- und Untergangsgedichte), ein weiteres Hauptmotiv der Verfall nicht nur der Außenwelt, sondern der Verlust des eigenen Selbst an sich ist. Diese verbreitete Beschäftigung mit dem Motiv der Vergänglichkeit erinnert fast ein wenig an das allgegenwärtige Vanitas-Motiv der Barockdichtung, jedoch ist in der expressionistischen Auffassung von Verfall und Endlichkeit kein Raum für eine religiöse Komponente wie im Barock. Man könnte also beinahe von einer rein auf das Weltliche bezogenen „memento mori“–Literatur sprechen. Der Verfallsvorgang selbst wird bevorzugt in den vielfältigsten Variationen beschrieben. Dabei schuf sich nahezu jeder expressionistische Lyriker seinen ganz eigenen Zugang zum Verfallsmotiv.

Es gibt daher Gedichte, welche die...

  • Zerstörung der Jugend durch den Tod zeigen ( z. B. das bei den Expressionisten höchst beliebte Ophelia–Motiv  in der literarischen Nachfolge von Arthur Rimbauds Gedicht „Ophelia“ - man spricht hierbei süffisant von einer Art „Wasserleichenpoesie“); das sind weiters...

  • Texte über Krankheiten und den durch sie verursachten körperlichen Zerfall; verbereitet sind auch...

  • Gedichte über geistige Zerrüttung und Irrsinn.

Die Ausprägungen des Verfallsmotivs sind im literarischen Expressionismus jedenfalls außerordentlich vielfältig.

 
Die Erwartung des Verfalls

 

Georg Trakl (1887 – 1914): Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rost‘gen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

 

Georg Trakl verfasste dieses Sonett 1913, also im letzten Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges,  „Am Abend“ (siehe 1. Strophe, Zeile 1 ) des großen Krieges... Bereits dieser Gedichtanfang weist auf etwas zu Ende Gehendes hin, denn Abend, Herbst deuten stets auf das Schließen eines Kreises, sei es beispielsweise das Schließen des Tageskreises, das des Jahreskreises oder auch das des Lebenskreises. Das lyrische Ich schaut in den beiden Quartetten am herbstlichen Abend, „wenn die Glocken Frieden läuten“ (Zeile 1 ), den Vögeln nach, die bereits „gleich frommen Pilgerzügen“ in den Süden ziehen ( 1. Strophe, Zeile 3 ) – ein idyllisches, in seiner Friedlichkeit höchst trügerisches Bild. 

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Bang zurückbleibend in dem „dämmervollen Garten“ ( 2. Strophe, Zeile 1 ) beneidet das lyrische Ich die davonfliegenden Tiere und träumt  „nach ihren helleren Geschicken“ ( 2. Strophe, Zeile 2 ). Dabei vergisst es das Voranschreiten der Zeit, es fühlt „der Stunden Weiser kaum mehr rücken“ ( 2. Strophe, Zeile 3 ). Für diesen kurzen und träumerischen Moment scheint das Leben noch stehen bleiben zu wollen, doch dieser Moment ist nicht von Dauer, die Zeit kann nicht angehalten werden, sondern schreitet unerbittlich fort.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Die beiden Terzette bringen nun ( wie in der Sonettform üblich ) die inhaltliche Zäsur. Das lyrische Ich kehrt aus seinen Träumereien jäh zurück in die Realität: „Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern“ ( 3. Strophe, Zeile 1 ). Die scheinbare Idylle ist urplötzlich zerstört. Ab jetzt dominieren die negativen Stimmungen, nun erscheinen überall Boten der Vergänglichkeit alles Seins. Das lyrische Ich schaut um sich, aus seinen Tagträumen aufgeschreckt durch den plötzlichen Hauch der Vergänglichkeit des Seins, und nimmt nun mit allen Sinnen, sei es über die Haut (indem es einen Hauch spürt ) oder akustisch (das Klagen der Amsel) bzw. optisch ( der rote Wein ) Zeichen des einsetzenden Verfalls wahr.

Spricht Trakl in den Quartetten von nicht weiter definierten Zugvögeln, so nennt er nun eine Vogelart, eine Amsel, also ein schwarzes Tier ( schwarz = Farbe des Todes). Diese Amsel zieht nicht weg, sie bleibt hier, wenn es Winter wird. „Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen“ ( 3. Strophe, Zeile 2 ). Die Realität ist also nicht das Wegziehen, das die Zugvögel symbolisieren, sondern das, was ringsum bereits erkennbar ist: der allgegenwärtige „Verfall“, sogar wörtlich angesprochen in der ersten Zeile der dritten Strophe: „Es schwankt der rote Wein an rost‘gen Gittern“ ( 3. Strophe, Zeile 3 ) – wobei das Wort „Gitter“ auch auf die Ohnmacht des Zurückbleibenden hinweist bzw. auf die Unmöglichkeit, dem unerbittlichen Geschick zu entkommen. Beachtenswert ist in dieser Zeile auch der doppelte Einsatz der Farbe Rot, einerseits wörtlich genannt in Verbindung mit dem Wein, andererseits als Konnotation (rostig). Rot ist einerseits die Farbe des Herbstes, andererseits impliziert es als die Farbe des Blutes ebenfalls den Tod, tritt also in Zusammenhang mit dem Schwarz der Amsel.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rost‘gen Gittern,

Durch das Enjambement ( = Zeilensprung ) am Ende der dritten Strophe wird eine Verbindung zur vierten Strophe hergestellt.

 

Eindringlich werden nun völlig düster erscheinende Bilder geschaffen. In dieser vierten Strophe verwendet Trakl das unwirkliche, visionäre Bild der Astern, die „wie blasser Kinder Todesreigen / Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,“ tanzen (Zeile 2 ). Die in der dritten Strophe verwendeten Verfallsbilder summieren sich nun zu einer Art Todesvision, die in formaler Hinsicht mit der träumerischen Sequenz des zweiten Quartettes korrespondiert. Wurde der Tagtraum der zweiten Strophe durch die Zugvögel ausgelöst,  so wird nun die Vision der vierten Strophe durch die klagende Amsel hervorgerufen. Mit dem Bild der sich „fröstelnd“ im Wind neigenden Astern, den blassblauen Boten des Spätherbstes, schließt das Gedicht: der Winter, das Ende in Kälte und Dunkelheit ist nahe.

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

   
Die literarische Tradition des  Ophelia–Motivs (Einleitung)

 

In diesem Abschnitt soll auf einige Bearbeitungen dieses Motivs in der europäischen Literaturgeschichte eingegangen werden, ausgehend von einem  Textausschnitt aus Shakespeares „Hamlet“  über Arthur Rimbauds Ophelia-Gedicht, einige Texte der deutschen Expressionisten bis zu einem Gedicht des DDR–Lyrikers Peter Huchel.

  Stundenentwurf für eine mehrstündige Ophelia-Sequenz  im Literaturunterricht der Oberstufe... mehr

 

 

Texte

 

Text 1: William Shakespeare: Hamlet IV, 7 (1602)

Text 2: Arthur Rimbaud: Ophelia (1870)

Text 3: Georg Heym: Die Tote im Wasser (1910)

Text 4: Georg Heym: Berlin I (1910)

Text 5: Georg Heym: Ophelia (1910)

Text 6: Gottfried Benn: Schöne Jugend (1912)

Text 7: Bertolt Brecht: Vom ertrunkenen Mädchen (1920)

Text 8: Peter Huchel: Ophelia (1972)

 

Download: Texte 1 - 8 und Trakl, Verfall

 

 

 

 

William Shakespeare (1564-1616): Hamlet IV, 7

Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub, 
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen,
Die lose Schäfer gröblicher benennen,
Doch zücht'ge Jungfraun tote Mannesfinger;
Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
verbreiteten sich weit und trugen sie 
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Hymnen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlamm‘gen Tod.

 

Der Ursprung des beliebten Ophelia–Motivs, also des Motivs der jugendlichen weiblichen Toten im Wasser, ist bei William Shakespeare zu finden. In Shakespeares Tragödie „Hamlet, Prinz von Dänemark“ (1603) stirbt Ophelia, Tochter des Oberkämmerers Polonius und Geliebte des Dänenprinzen Hamlet, nachdem Hamlet sie zurückgewiesen und versehentlich ihren Vater getötet hat, geistig umnachtet im Wasser eines Baches, an dessen Ufer sie Blumen gepflückt hat.

Alle Attribute, die in späteren Bearbeitungen des Motivs für das unglückliche Mädchen typisch sind oder – gegenteilig - gerade wegen dieser Zuordnungsmöglichkeit konterkariert werden, finden sich in Shakespeares Text: Ophelias Schönheit und Reinheit ( in der Folge wird ihr stets die Farbe Weiß zugeordnet ), ihre geistige Umnachtung, ihr langes Haar, die sich aufblähenden Kleider und Schleier, die Blumen, das dunkle, schlammige Wasser, das Schilf, die Weiden, die Nacht.


Die Bedeutung von Rimbauds Gedicht für die deutschsprachige Literatur:

Eine plötzliche Rückbesinnung auf Shakespeares Motiv ist dem genialen französischen Lyriker Arthur Rimbaud (1854-1891) zu verdanken. Rimbaud verwendet die in reichem Maße Attribute für Ophelia, welche die Figur bleich und schön erscheinen lassen: „Ophelia, bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön“ ( II, Z. 1 ), „einer großen weißen Lilie gleich“ ( I,  Z. 3 und III, Z. 4 ), „ein bleich Phantom“ ( I, 2. Str. , Z. 2 ). Die schöne, blasse Ophelia wird zur Muse des Dichters.

Wie bereits in der Einleitung zu diesem Kapitel erwähnt, löste Arthur Rimbauds Frühwerk „Ophélie“  ( bereits1870 entstanden ) bei den deutschen Expressionisten eine regelrechte Flut von  - etwas salopp - als sogenannte „Wasserleichenpoesie“ bezeichneten Gedichten aus. Die Zeitverzögerung von immerhin 40 Jahren zwischen dem Entstehen von Rimbauds Gedicht und den deutschsprachigen Bearbeitungen ist dadurch zu erklären, dass erst 1907 die deutsche Übersetzung des Textes durch Karl Klammer erschien.

Vom Zeitpunkt des Vorliegens der Übertragung von Rimbauds „Ophélie“ ins Deutsche an war jedenfalls der Niederschlag in der deutschen Literatur so bemerkenswert und ertragreich, dass man rückblickend geneigt ist, von einer echten Modewelle oder  - etwas überspitzt formuliert - einer regelrechten „In–Dichtung“ zu sprechen.

Die ersten deutschsprachigen Bearbeitungen des Ophelia - Motivs stammen von Georg Heym, und zwar aus dem Jahr 1910. Es sind dies „Die Tote im Wasser“ ( vgl. Text 3 ! ),  „Ophelia“ ( vgl. Text 4 ! ) und das Gedicht „Tod der Liebenden im Meer“, von dem zwei verschiedene Fassungen existieren. Weitere Expressionisten, die sich dieses Motivs angenommen haben, sind: Gottfried Benn mit dem für ihn unverkennbar schonungslosen Text „Schöne Jugend“ (1912 / vgl. dazu Text 5 ! ) , Paul Zech mit seiner „Wasserleiche“ und Armin T. Wegener mit dem Gedicht „Die Ertrunkenen“ (1917).  Auch Georg Trakl verwendet das Motiv in einigen Zeilen seiner Texte  „Wind, weiße Stimme“ und „Westliche Dämmerung“ (1911), seine Bezüge zu Rimbaud sind unverkennbar.

Fest steht: Allein an dieser Aufzählung, die ja nur einen Zeitraum von sieben (!) Jahren abdeckt, kann man die Begeisterung der Expressionisten für das Sujet erkennen. Wie überaus beliebt das Motiv war, zeigt auch die Tatsache, dass es nicht nur in der Literatur, sondern auch in der symbolistischen Malerei des ausklingenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts eine Vielzahl von bildlichen Darstellungen der Ophelia gibt.

 

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Arthur Rimbaud (1854 - 1891): Ophelia
(Übertragung von Karl Klammer)

I.
Auf stiller, dunkler Flut, im Widerschein der Sterne,
geschmiegt in ihre Schleier, schwimmt Ophelia bleich,
sehr langsam, einer großen weißen Lilie gleich.
Jagdrufe hört man aus dem Wald verklingen ferne.

Schon mehr als tausend Jahre sind es,
dass sie, ein bleich Phantom, die schwarze Flut hinzieht,
und mehr als tausend Jahre flüstert schon sein Lied
ihr sanfter Wahnsinn in den Hauch des Abendwindes.

Die Lüfte küssen ihre Brüste sacht und bauschen
zu Blüten ihre Schleier, die das Wasser wiegt.
Es weint das Schilf, das sich auf ihre Schulter biegt.
Die Weiden über ihrer hohen Stirne rauschen.

Im Schlummer einer Erle weckt sie hin und wieder
Ein Nest, aus dem ein kleines Flügelflattern schlägt.
Die Wasserrosen seufzen, wenn sie sie bewegt.
Ein Weiheklang fällt von den goldnen Sternen nieder.

II.
Ophelia, bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön,
die du, ein Kind noch, starbst in Wassers tiefem Grunde:
weil dir von rauer Freiheit ihre leise Kunde
die Stürme gaben, die von Norwegs Gletschern wehn.

Weil fremd ein Föhn, der dir die Haare peitschte, kam
Und Wundermär in deinen Träumersinn getragen;
weil in dem Seufzerlaut der Bäume und im Klagen
der Nacht dein Herz die Stimme der Natur vernahm.

Weil wie ein ungeheures Röcheln deinen Sinn,
den süßen Kindersinn, des Meeres Schrei gebrochen;
weil schön und bleich ein Prinz, der nicht ein Wort gesprochen,
im Mai, ein armer Narr, dir saß zu deinen Knien.

Von Liebe träumtest du, von Freiheit, Seligkeit;
du gingst in ihnen auf wie leichter Schnee im Feuer.
Dein Wort erwürgten deiner Träume Ungeheuer.
Dein blaues Auge löschte die Unendlichkeit.

III.
Nun sagt der Dichter, dass im Schoß der Nacht du bleich
die Blumen, die du pflücktest, suchst, in deine Schleier
gehüllt, dahinziehst auf dem dunklen, stillen Weiher,
im Schein der Sterne, einer großen Lilie gleich.

 

 

Georg Heym (1887 - 1912): Die Tote im Wasser

Die Masten ragen an dem grauen Wall
Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,
So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot
Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.

Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut,
Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt
Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.

Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,
So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz
Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.

Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht
Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind
Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.

Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.
- Der Wasserratten Fährte, die bemannen
Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.

Die Tote segelt froh hinaus, gerissen
Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.
Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.

Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun
Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,
Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.

Georg Heym schrieb dieses Gedicht im Sommer 1910. Es ist die früheste Auseinandersetzung mit dem Motiv aus der Epoche des Expressionismus. Gleichzeitig wurde es Ausgangspunkt für die meisten der zahlreichen weiteren Ophelia - Texte der Dichter dieser Zeit, mit Ausnahme der Ophelia - Sequenzen bei Georg Trakl, in dessen Werk sich direkte Bezüge zu Rimbaud finden lassen (bis hin zu einigen fast wörtlichen Übernahmen, wie z. B. „sanftes Gehaben des Wahnsinns“ bei Trakl / „sanfter Wahnsinn“ bei Rimbaud ). Auf jeden Fall war Rimbauds Gedicht auch für Georg Heym die Quelle, denn im selben Jahr greift der Dichter gleich ein zweites Mal auf das Thema zurück: Im Dezember 1910 verfasst er sein Gedicht  „Ophelia“, welches zumindest wieder im Titel einen personalen Bezug zur ursprünglichen Figur aufweist, in der Ausführung aber dem Gedicht „Die Tote im Wasser“ sehr nahe steht.  ( Vgl. dazu Text 5! ).

Die Darstellung des Themas in „Die Tote im Wasser“ unterscheidet sich trotz des übereinstimmenden Motivs jedenfalls stark von derjenigen bei Arthur Rimbaud. Ist bei diesem der Bezug zur Shakespeare’schen Figur noch ganz deutlich erkennbar, verwischt Heym bereits die personenbezogenen Übereinstimmungen, wird allgemeiner in der Darstellungsweise. Auch die Großstadtkulisse, an der die Tote vorbeigeschwemmt wird, ist bei Heym neu eingeführt und erinnert stark an die Kanal - Szenerie in seinem ersten Sonett des „Berlin“ -  Zyklus ( ebenfalls aus dem Jahr 1910 ! ), dessen Text zum Vergleich hier anschließend zu sehen ist.  Viele Elemente finden sich nämlich in beiden Gedichten, obwohl die Thematik bei „Die Tote im Wasser“ und „Berlin I“ jeweils eine völlig andere ist.

 

 

Georg Heym (1887 – 1912): Ophelia

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie ein Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.


Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinden Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.


Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,
Doch wo sie treibt, jagt weit der Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät.
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.

 

Georg Heym (1887 – 1912): Berlin I

Beteerte Fässer rollten von den Schwellen
Der dunklen Speicher auf die hohen Kähne.
Die Schlepper zogen an. Des Rauches Mähne
Hing rußig nieder auf die öligen Wellen.

Zwei Dampfer kamen mit Musikkapellen.
Den Schornstein kappten sie am Brückenbogen.
Rauch, Ruß, Gestank lag auf den schmutzigen Wogen
Der Gerbereien mit den braunen Fellen.

In allen Brücken, drunter uns die Zille
Hindurchgebracht, ertönten die Signale
Gleichwie in Trommeln wachsend in der Stille.

Wir ließen los und trieben im Kanale
An Gärten langsam hin. In dem Idylle
Sahn wir der Riesenschlote Nachtfanale.

Ophelia im Vergleich: „Die Tote im Wasser“ von Georg Heym, „Ophelia“ von Arthur Rimbaud und „Ophelia“ von Georg Heym... mehr

 

Gottfried Benn (1886 – 1956): Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

Bereits der Titel des Gedichtes von Gottfried Benn, „Schöne Jugend“ aus dem Gedichtband „Morgue“ ( 1912 erschienen ), ist zynisch und doppelbödig: Er bezieht sich nämlich – zumindest in Bezug auf das Attribut „schön“ auf die Jugend der Ratten, das tote Mädchen dient ja den Tieren bloß als willkommene Behausung. Es handelt sich um irgendein ertrunkenes Mädchen, also durchaus kein bestimmtes wie bei Rimbaud. In der Folge beschreibt Benn die Vorgänge während der Obduktion der Leiche. Der „angeknabbert[e] Mund“ ( Z. 1 ) erweckt schon Neugier. Der Fortschritt des Textes geschieht de facto parallel zum Seziermesser des Pathologen. Der Reihe nach werden Brust, Speiseröhre, Zwerchfell, Leber und Niere freigelegt und untersucht, anscheinend aber nicht in einem Leichenschauhaus, sondern direkt vor Ort, also am Ufer, denn die Rattenbrut wird ja „allesamt ins Wasser“ ( Z. 11 ) geworfen.

Interessant ist jedenfalls das Wasserrattenmotiv, das uns bereits in Georg Heyms Bearbeitungen der Ophelia - Thematik begegnet ist. Auch in der dritten Strophe von Georg Trakls Gedicht „Vorstadt im Föhn“ ( 1911) finden wir es. Dort nämlich heißt es in ausgeprägtem expressionistischen Reihungsstil:

Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.
In Körben tragen Frauen Eingeweide.
Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,
Kommen sie aus der Dämmerung hervor.

Bei Gottfried Benn jedoch ist das Rattenmotiv an die zentrale Stelle gerückt und verändert die Perspektive des Gedichtes: Es geht bei Benn nicht mehr um die Frage nach dem Grund für den Tod des Mädchens, das zur bloßen Staffage degradiert wird, sondern nur um die schonungslose Darstellung des Hässlichen als den gleichwertigen Bestandteil des Lebens.

Gesamttext von Trakls „Vorstadt im Föhn“, mit dem der Dichter nach der Erstveröffentlichung in der Zeitschrift „Der Brenner“ schlagartig berühmt wurde,  im Projekt Gutenberg... mehr

 

Bertolt Brecht (1898 – 1956): Vom ertrunkenen Mädchen

Als sie ertrunken war und hinunterschwamm,
von den Bächen in die größeren Flüsse,
schien der Opal des Himmels sehr wundersam,
als ob er die Leiche begütigen müsse.

Tang und Algen hielten sich an ihr ein,
so dass sie langsam viel schwerer ward.
Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein.
Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.

Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch
und hielt nachts mit den Sternen das Licht in der Schwebe.
Aber früh ward es hell, dass es auch
noch für sie Morgen und Abend gebe.

Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war,
geschah es (sehr langsam), dass Gott sie allmählich vergaß.
Erst ihr Gesicht, dann die Hände und zuletzt erst ihr Haar.
Dann ward sie Aas in den Flüssen mit vielem Aas.

 

Wieder wird das Treiben der Leiche den Fluss hinunter beschrieben, wobei Brecht in seiner Darstellung bis zur endgültigen  Auflösung des toten Körpers im Wasser geht, zu der er parallel sein religionskritisches Credo entwirft. Nichts Tröstendes bleibt zurück, Gott vergisst sie „sehr langsam“, im gleichen Tempo, in dem der Zerfallsprozess voranschreitet.

Bertolt Brecht ist zwar nicht als Expressionist zu bezeichnen (!), doch bei keinem anderen Autor hat das Motiv der „Wasserleiche“ so viele Bearbeitungen erfahren wie gerade bei ihm. Zu nennen sind von Brecht neben dem oben stehenden Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ noch folgende lyrische Texte, die das Ophelia – Motiv in irgendeiner Art und Weise umkreisen:

  • „Dunkel im Weidengrund“

  • „Ballade vom Liebestod“ (1921)

  • „Gesang aus dem Aquarium“ (1920)

  • „Legende der Dirne Evelyn Roe“ aus Brechts Erstlingsdrama „Baal“ (1920)

Vor allem bei Brecht (aber nicht nur bei ihm!) steht als Besonderheit das Motiv der anonymen Wasserleiche sehr oft auch in enger Verbindung mit dem Motiv des „gefallenen Mädchens“, das sich seinem Geliebten hingegeben hat und anschließend von diesem verlassen worden ist, obwohl es ein Kind erwartet. Entweder aus Verzweiflung über die Schande eines unehelichen Kindes oder aus der Chancenlosigkeit, für das Kind sorgen zu können, sucht das Mädchen mit dem Ungeborenen den Tod im Wasser.

 

Peter Huchel (1903 - 1981): Ophelia

Später, am Morgen
Gegen die weiße Dämmerung hin
Das Waten von Stiefeln
Im seichten Gewässer,
Das Stoßen von Stangen,
Ein raues Kommando,
sie heben die schlammige
Stacheldrahtreuse.

Kein Königreich,
Ophelia,
wo ein Schrei
das Wasser höhlt,
ein Zauber
die Kugel
am Weidenblatt zersplittern lässt.

Als Abschluss dieser literarischen Ophelia-Betrachtungen soll noch ein Text jüngeren Datums (1972) angeführt werden. Es stammt aus der Feder des DDR–Autors Peter Huchel (1903 – 1981), der lange Jahre in der DDR unter Aufsicht des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) gelebt hatte, bevor er in die Bundesrepublik ausreisen durfte. Peter Huchels „Ophelia“ stammt aus der bereits im Westen veröffentlichten Sammlung „Gezählte Tage“, in der der Autor seiner jahrelangen Isolation einen erschütternden literarischen Ausdruck verleiht.

Das Gedicht trägt einen  auf den ersten Blick recht irreführenden Titel (ähnlich Gottfried Benns „Schöne Jugend“! ), der in der ersten Strophe mit der Erwartungshaltung des Lesers durchaus nicht übereinstimmt. Die im Geist des Lesers vorhandenen (schönen) Ophelia-Bilder haben rein gar nichts gemeinsam mit dem Beginn des Textes. Im Mittelpunkt der ersten Strophe stehen nämlich  „das Waten von Stiefeln / Im seichten Gewässer, / das Stoßen von Stangen / ein raues Kommando“ ( Z. 3 – Z. 7 ). Nun erst wird langsam deutlich, dass das Geschehen in Huchels Gedicht sich wohl um die seinerzeitige deutsch-deutsche Grenze dreht. Ein Mensch liegt tot im Wasser, und die Leiche wird von den Soldaten der Grenzpolizei gesucht.

Für die Ophelia in Huchels Text gibt es keine schützende Umgebung, „kein Reich / wo ein Schrei das Wasser höhlt“ ( 2. Strophe, Z. 4 – 5 ) – man denke dabei nur an Moses am Roten Meer!  Es existiert kein Königreich mehr, in dem die arme Ophelia durch Zauberhand beschützt wird, ein Reich, in welchem „die Kugel / am Weidenblatt zersplittern“  (Z. 7 – 8) könnte. Das Weidenblatt wiederum ist eine Anspielung auf Shakespeares Text, ebenso das Wort „schlammig“, womit sich auch der Kreis der Ophelia – Figuren schließt.

Dennoch: Huchels Ophelia hat etwas anderes gelitten im Leben als die Figur aus „Hamlet“. Und noch etwas anderes unterscheidet sie von vielen ihrer literarischen Vorgängerinnen: Nicht durch eigene Hand ist Ophelia gestorben: Die Tote liegt morgens im seichten Wasser, von den Kugeln der Grenzsoldaten durchbohrt.

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© Mag. Brigitte Poppernitsch (BRG Spittal / Drau)