MIKROFON

Cafe Prückel (Wien), 6. 4. 1995

INTERVIEW MAYRÖCKER / ACHLEITNER

Mayröcker, Friederike (* 1924, Wien): 1946 – 68 Englischlehrerin, seither freie Autorin; Kontakt zur "Wiener Gruppe", bes. zu Ernst Jandl.

Achleitner, Friedrich (* 1930, Schalchen / OÖ): besuchte die Akademie der Bildenden Künste (Meisterklasse bei Clemens Holzmeister); Mitglied der "Wiener Gruppe", heute Architekturkritiker und Hochschullehrer.

MAYRÖCKER / LITERATURLANDSCHAFT ÖSTERREICH

Marlene Streeruwitz und Thomas Kling über Friederike Mayröcker

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Hat H. C. Artmann jemals im Laufe Ihrer Bekanntschaft mit Ihnen über Literatur gesprochen?

(A:) Nie. Ich habe mit H. C. nie über Literatur gesprochen. Mit LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGENRühm und Wiener konnte man über Literatur diskutieren, aber mit Artmann nicht. Wir haben schon miteinander gesprochen, im Kaffeehaus, wenn wir einander die Sachen gezeigt haben: H. C. hat immer nur gelobt, nie kritisiert, höchstens daß er einmal einen Maschinschreibfehler bemängelt hat. Einmal hat er zum Beispiel zu mir gesagt: "Geh, das A putzt´ aber aus", aber das war auch schon das einzige.

(M:) Ich kann mich auch nicht erinnern, daß er jemals über Literatur gesprochen hätte, ich kann mich bloß erinnern, daß er immer "g'feut" gesagt hat, ich habe den Eindruck, damit meinte er etwas Positives.

(A:) Nein! Dieser Ausdruck war leicht "schräg" zu verstehen, im Sinne von "verfehlt, verfault", also eher negativ.

Obwohl Artmann nicht mit Ihnen über Literaturtheorie gesprochen hat, hat er doch Einfluß auf Sie ausgeübt?

(M:) H. C. hatte großen Einfluß auf alle Schriftsteller der Gruppe; er hatte große Ausstrahlung. Er war ein schöner, imposanter Mann, hatte strahlend eisblaue Augen, machte großen Eindruck.

(A:) H. C. ist älter, kann viele Sprachen, kannte mehr Literatur, natürlich wurden wir von ihm beeinflußt.

(M: ) Er spricht ja auch viele Sprachen - Keltisch, Walisisch, Spanisch, Französisch und was weiß ich noch alles. Die hat er sich alle als Autodidakt beigebracht, er bringt sich überhaupt alle Sprachen selbst bei. H. C. hatte immer viel Zeit, er widmete sich als einziger von uns ganz der Schriftstellerei, er war auch oft auf Reisen.

Reisen Sie auch oft?

(M:) Nein, ich reise äußerst ungern, Lesungen mache ich gerne, das Reisen finde ich beschwerlich.

War Artmann an Architektur interessiert?

(A:) Ja, ich hatte Gespräche über Architektur mit H. C. Er. machte oft und gern Stadtwanderungen, er kannte viele Orte in Wien. Er hat das Grausliche an der Großstadt schön empfunden, ähnlich wie Rühm.

Welches Verhältnis haben Sie zu Wien?

(M:) Ich bin stark in Wien verwurzelt, ich kann nur hier schreiben. Einmal war ich ein halbes Jahr in Berlin, weil ich dort ein Stipendium hatte, und ich konnte dort einfach nicht schreiben, deshalb bin ich am Wochenende nach Wien geflogen, um zu schreiben, in Berlin hab' ich dann höchstens korrigiert. In meiner Wiener Wohnung ist mir alles schon vertraut.

(A:) Bei H. C. war das ja so ähnlich: Er hat bei seiner Mutter in einer Bassenawohnung gelebt, da gab es nur ein Zimmer, eine Küche und ein Kabinett; H. C. hat immer in seinem Kabinett geschrieben. 1959/60, als der Erfolg mit der "Schwoazzn Dintn" kam, bekam er eine Gemeindewohnung; er wurde aber delogiert, weil er die Miete nicht gezahlt hat, und da verbarrikadierte er sich, das Fernsehen war auch da, und er mußte von der Polizei mit Gewalt herausgeholt werden. H. C. Artmann hat jedenfalls immer im Kabinett seiner Mutter geschrieben, auch als er schon die Gemeindewohnung hatte.

Wie reagierte man damals auf diese "entartete" Kunst?

(A:) "Ab mit euch ins Gas!", das waren Rufe bei einer Lesung im Konzerthaus.

Wurde Ihre literarische Arbeit durch solche Reaktionen beeinflußt?

(A:) Natürlich, es gab eine Wechselwirkung, manchmal haben wir auch gerne absichtlich provoziert; beim Kabarett haben wir schon ausprobiert, wann die Leute den Saal verlassen. Grundsätzlich gab es in Österreich kein Interesse an solch "entarteter Kunst". Daher bekamen wir auch kein Geld, man konnte von der Schreiberei nicht leben, es gab praktisch keine Mäzene. Daher gingen wir zu deutschen Verlagen. Friederike Mayröcker war bei rowohlt und Suhrkamp, Jandl bei Luchterhand ...

(M:) Ich habe viele Lesungen in Graz gemacht, habe aber schlechte Kritiken gehabt, man sagte, sie seien unverständlich, experimentell, avantgardistisch, man lehnte die neuere Literatur einfach ab. Wir erhofften uns größeres Interesse in Deutschland. Die Verlagssituation in Österreich besserte sich erst, als der Residenzverlag gegründet wurde, also in den 50er/60er Jahren.

Wurden Sie auch von der deutschen Literatur dieser Zeit beeinfluß?

(M:) Nein, von außen, also von Deutschland eigentlich nicht, eher durch LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Jandl, Rühm und natürlich durch Artmann.

Wie oft fanden damals Lesungen der neuen Literatur statt?

(A:) Die erste gemeinsame Lesung fand im LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Theater in der Liliengasse statt; es gab nur etwa eine Lesung im Jahr, das war der erste gemeinsame Auftritt der Wiener Gruppe. 1958/59 gab es hie und da in der Urania ein Literatencafe. In den 50er Jahren existierten kaum Bühnen, das kulturelle Leben hat sich seitdem stark verändert.

Sind Sie selbst auch als Schauspieler aufgetreten?

(A:) Ja, im Kabarett innerhalb der"Wiener Gruppe". [Anm.: EinBild Achleitners als Schauspieler 1959 befindet sich im Österreich-Lexikon "aeiou".]

(M:) Ich bin niemals öffentlich aufgetreten.

Wie war die Atmosphäre im "Art Club"?

(A:) Nun, im "Art Club" waren Maler, Musiker, Graphiker, Architekten, Literaten, also alle möglichen Künstler, und was uns verband, war, daß wir alle in Opposition zur Konvention standen. Wir haben uns an verschiedenen "Underground"-Treffpunkten getroffen, zum Beispiel in der Akademie am Schillerplatz oder am Börseplatz ...

Damals auch schon im Cafe Hawelka?

CAFE HAWELKA(A:) Ja, das Hawelka war ein verschlafenes Kaffeehaus, vormittags saßen dort ein paar Pensionisten und abends zwei oder drei Künstler, man konnte auch anschreiben lassen. Herr und Frau Hawelka waren der Jugend gegenüber sehr aufgeschlossen, abends hat sie noch Buchteln gekocht. Durch den Fotografen Hubmann wurde das Hawelka erst bekannt und zum "In-Cafe".

 

Von welchen geistigen Strömungen wurden Sie beeinfluß?

(A:) H. C. war vom LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Surrealismus geprägt, Rühm und ich kamen mehr vom LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Dadaismus. Bis zu diesem Zeitpunkt existierte doch bloß stockkonservative Literatur; die Wiener Gruppe suchte nach "anderem".

Welche Bedeutung hatte der Existentialismus, der ja damals in Mode war, für Sie?

(A:) Wenig, ich habe nie LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Sartre und LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Camus gelesen.

Was haben Sie mit Vorliebe gelesen ?

(A:) Philosophie, Geschichtliches und natürlich Theoretisches über Architektur, mit Literatur habe ich mich immer schon neben der Architektur beschäftigt.

Frau Mayröcker, was ist Ihr ideeller Hintergrund?

LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Hölderlin vor allem; und die Franzosen, LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Marguerite Duras, LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Jean Paul Sartre. Ich wurde auch mehr vom Surrealismus, kaum vom Dadaismus beeinflußt.

Wie verwenden Sie die Sprache, wenn Sie Gedichte oder andere Texte schreiben ? Wie fassen Sie Sprache auf?

(A:) Sprache selbst ist eine eigene Wirklichkeit; Sprachmaterial ist von großer Bedeutung. H. C. hat das auch in seinem phantastischen "poetischen act" verarbeitet. Man will mit der Sprache Spannung vermitteln. Rühm tat das, indem er den weichen Wiener Dialekt mit einer bösen Thematik kombinierte. Man kann auch durch die Form Spannung erzeugen, wenn man beispielsweise auf ein Blatt Papier ganz oben das Wort "unten" schreibt ...

Diese Technik haben Sie auch in Ihrem Gedicht "himmel und hammer" angewandt?

(A:) Ja, hier bilden "himmel" und "hammer" zwei gegeneinander komponierte Melodien. Die Interpretation kommt natürlich meistens erst, nachdem man das Gedicht geschrieben hat.

Und wie schreiben Sie Ihre Gedichte?

(M:) Nun, die Gedichte beginnen spontan, werden dann bearbeitet und korrigiert; dazwischen gehe ich spazieren und lenke mich ab. Die Prosa schreibe ich über 2 Jahre hin immer von 5 Uhr bis etwa 1 Uhr mittags. Am Nachmittag geht mir die Sache dann durch den Kopf. Zuerst mache ich einen Entwurf, dann kommt die Knochenarbeit, manche, wie Ilse Aichinger, können druckreif schreiben, ich gehöre nicht dazu.

Dichten Sie noch?

(A:) Nein, ich schreibe heute nur mehr Artikel über Architektur.

(M:) Ich habe übrigens eine Zeitlang Dialektgedichte geschrieben, die von Artmann beeinflußt waren, er schrieb ja keine Dialektgedichte im Stile Weinhebers.

(A:) Ja, früher war Mundartdichtung immer verbunden mit Heimatkitsch und ländlicher Idylle. Artmann aber hat ganz andere Themen behandelt und schrieb im Breitenseer Dialekt, den konnte er perfekt, später kam ich auch dazu mit einigen Gedichten im Innviertler Dialekt, woher ich stamme.

(M:) Am besten finde ich die Dialektgedichte von Rühm, die abstrahiert sind, es sind eigentlich nur Lautgedichte, man glaubt zwar, es ist Dialekt, jedoch kein einziges Wort ist Dialekt.

Und wie wirkte sich die Entwicklung des Musikgeschehens in Österreich auf Sie aus?

(A:) In den 50er Jahren wurde in Österreich die Moderne, also was in den 20er/30er Jahren passiert war, aufgearbeitet, die Zwölftonmusik wurde ja in Wien entwickelt. Rühm war übrigens auch Pianist, er spielte hauptsächlich Zwölftonmusik, und davon wurde ich natürlich auch beeinflußt, also die Literatur, die ich geschrieben habe; meine Gedichte wurden teilweise auch vertont, das erfuhr ich aber erst im nachhinein, die Interpretationen sind oft verwunderlich.

Und welche Kontakte hatten Sie zum Film?

(M:) Ich war hauptsächlich von LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN Jean Cocteau beeinflußt.

(A:) Ich war mit Kubelka in Berührung, mit dem experimentellen Film, da interessierten mich vor allem die Dialektsequenzen; Kubelka hat übrigens ein Filmmuseum gegründet, und er kocht auch wie Artmann.

H. C Artmann sagt, die Wiener Gruppe habe es nie gegeben?

(A:) Ja, das stimmt, denn LINK ZU DEN ERLÄUTERUNGEN "Wiener Gruppe" ist eigentlich der Name für eine Aktion, die nie stattgefunden hat. Rühm und ich haben nämlich eine Kabarettaufführung in der Schweiz vorgehabt, und da sagte man uns, wir könnten nur auftreten, wenn wir einen Namen haben. Da dachten wir also nach, und da es "Wiener Schule" und "Wiener Kreis" schon gab und überdies in einer Zeitung von einer "Wiener Dichtergruppe" zu lesen war, nannten wir uns "Wiener Gruppe". Oswald Wiener meinte dann, da H. C. uns alle inspirierte, gehöre er eigentlich auch dazu, und so kam es zu dieser Bezeichnung. Die Aufführung fand dann übrigens gar nicht statt, und eigentlich müßte man jetzt Jandl und Mayröcker auch dazuzählen.

Vielen Dank für das Interview!

© BG Mödling, Keimgasse (Abschrift der Tonbandaufnahme)


ÖSTERREICH-LEXIKON

Im Österreich-Lexikon finden sich kurze Artikel zu folgenden Schriftstellern:

Achleitner, Friedrich

Bayer, Konrad

Jandl, Ernst

Mayröcker, Friederike

Rühm, Gerhard

Wiener Gruppe

ERLÄUTERUNGEN:

Camus, Albert (1913 - 60): geb. in Mondovi (Algerien); frz. Schriftsteller ("Die Pest", Roman), Philosoph ("Der Mythos des Sisyphos"); Vertreter des Existentialismus

Cocteau, Jean (1889 – 1963): frz. Schriststeller, Maler, Regisseur

Dadaismus (von französisch dada, Pferdchen): internationale revolutionäre Kunst- und Literaturbewegung in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die gegen die im 1. Weltkrieg fragwürdig gewordenen Kulturwerte der bürgerlichen Gesellschaft rebellierte. Das Kinderstammelwort dada gab dieser Ablehnung überlieferter Ideale Ausdruck.

Duras, Marguerite (1914 – 96): frz. Autorin; geb. in Gia Dinh (Vietnam); v. a. Romane und Erzählungen, Filmdrehbücher ("Hiroshima mon amour")

Existentialismus: philosophische Bewegung, die die Existenz und Freiheit des Einzelnen betont (frz. Richtung der Existenzphilosophie)

Hölderlin, Johann Christian Friedrich (1770 - 1843): dt. Dichter, v. a. Lyriker; epochengeschichtlich zwischen Klassik und Romantik.

Sartre, Jean Paul (1905-80): frz. Autor; Vertreter des Existentialismus, Theaterstücke ("Die schmutzigen Hände", "Die Fliegen")

Surrealismus: Bezeichnung für eine nach Beendigung des 1.Weltkrieges in Paris entstandene avantgardistische Literatur- und Kunstströmung. Ausgehend von der Psychoanalyse Sigmund Freuds, versuchten die Künstler der Bewegung nicht länger, äußere Wirklichkeit darzustellen, sondern thematisierten stattdessen das Unbewußte, Triebhafte und Irrationale. Dementsprechend folgt das surrealistische Kunstwerk der Logik des Traumes: Visionäres und Rauschhaftes tritt ins Zentrum des Interesses.

Theater in der Liliengasse: Theater im Zentrum; seit 1964 im Besitz des Theaters der Jugend

Oswald Wiener, Ernst Jandl, Gerhard Rühm, Friederike Mayröcker, Friedrich Achleitner: Schriftsteller der "Wiener Gruppe" oder aus dem Umfeld der "Wiener Gruppe"

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